Nachbericht zur IFDP-Jahrestagung 2026: Lebensbegleitendes Lernen neu denken
16.10.2026 | EB in Österreich
Die Jahrestagung des Instituts für Digitale Teilhabe (IFDP) stand 2026 unter dem Leitmotiv „Wer nicht lernt, wird gelenkt“ und widmete sich den Zukunftsperspektiven des lebensbegleitenden Lernens in Österreich. Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Sozialpartnern und Erwachsenenbildung diskutierten die anstehende Neuauflage der österreichischen Strategie für lebensbegleitendes Lernen (LLL) sowie die gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen Bildung heute steht.
Die Keynote durfte John Evers, Generalsekretär des Verbands Österreichischer Volkshochschulen beitragen. Evers stellte die Frage in den Mittelpunkt, welchem Zweck eine neue LLL-Strategie künftig dienen soll: Geht es ausschließlich um Fachkräftesicherung und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit oder auch um demokratische Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und individuelle Entwicklung?
Ausgehend von aktuellen Forschungsergebnissen zur Bildungsungleichheit zeigte Evers auf, dass Bildungswege in Österreich weiterhin stark von der sozialen Herkunft geprägt sind. Erwachsenenbildung dürfe deshalb nicht als bloße „Reparaturwerkstatt“ eines selektiven Bildungssystems verstanden werden. Vielmehr sei sie ein öffentliches Gut und ein Menschenrecht, das Menschen neue Chancen eröffnet und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.
Besonders hervor hob Evers die Rolle der gemeinnützigen Erwachsenenbildung und der Volkshochschulen als flächendeckende Bildungsinfrastruktur. Die KEBÖ-Verbände erreichen jährlich rund 2,5 Millionen Teilnahmen an etwa 10.000 Bildungsstandorten und Bibliotheken in ganz Österreich. Gerade in Regionen, die von Infrastrukturverlust betroffen sind, stellten sie wichtige Orte des Lernens, der Begegnung und der demokratischen Teilhabe dar.
Für die neue LLL-Strategie formulierte Evers drei zentrale Leitprinzipien: ein breites Bildungsverständnis, das Bildung nicht auf berufliche Qualifizierung reduziert, die gezielte Erhöhung der Weiterbildungsteilnahme bisher unterrepräsentierter Gruppen sowie eine verbindliche Partnerschaft zwischen Bund, Ländern, Gemeinden, Sozialpartnern, Wissenschaft und Erwachsenenbildung.
Inhaltlich plädierte er für besondere Schwerpunkte bei Basis- und Grundkompetenzen, digitaler und demokratischer Mündigkeit sowie der Befähigung zur Gestaltung der sozial-ökologischen Transformation. Gerade angesichts von Künstlicher Intelligenz, Desinformation und zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung seien kritisches Denken, Medienkompetenz und demokratische Urteilsfähigkeit unverzichtbare Zukunftskompetenzen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Rede war die Finanzierung. Evers kritisierte, dass Erwachsenenbildung in Österreich trotz ihrer gesellschaftlichen Bedeutung strukturell unterfinanziert sei. Er sprach sich für ein echtes Recht auf Weiterbildung, den Ausbau von Bildungsberatung sowie eine langfristige institutionelle Absicherung der gemeinnützigen Erwachsenenbildung aus. Mindestens ein Prozent der staatlichen Bildungsausgaben müsse künftig für Erwachsenenbildung bereitgestellt werden.
Für die österreichischen Volkshochschulen war die Tagung damit ein wichtiger Impuls für die kommenden Monate. Die angekündigte Entwicklung einer neuen LLL-Strategie bietet die Chance, Erwachsenenbildung als eigenständigen Bildungsbereich stärker zu verankern und ihre Bedeutung für Demokratie, sozialen Zusammenhalt und Chancengerechtigkeit sichtbar zu machen. Die zentrale Botschaft lautet dabei: Lebensbegleitendes Lernen darf nicht nur dazu dienen, mit wirtschaftlichen Veränderungen Schritt zu halten. Es muss Menschen befähigen, ihre Zukunft und die Zukunft der Gesellschaft aktiv mitzugestalten.