LLL-Strategie 2040: Zusammenfassung der Berichterstattung und Einordnung aus Sicht der Volkshochschulen

22.10.2026 | EB in Österreich

Die Bundesregierung hat den Startschuss für die Erarbeitung einer österreichischen Strategie für lebensbegleitendes Lernen (LLL-Strategie 2040) gegeben. Ziel ist es, Bildungsangebote besser aufeinander abzustimmen, die Erwachsenenbildung als gleichwertige Säule des Bildungssystems zu stärken und Maßnahmen mit einem Zeithorizont bis 2040 zu entwickeln. Fünf Arbeitsgruppen sollen ab November 2026 konkrete Vorschläge erarbeiten; die Strategie soll Ende 2027 vorliegen und ab 2028 umgesetzt werden. Als Begründung wird unter anderem angeführt, dass bis zu 1,7 Millionen Erwachsene in Österreich über unzureichende Lesekompetenzen verfügen.

Positionen der zuständigen Minister*innen

Eva-Maria Holzleitner (Wissenschaftsministerin, SPÖ) betont die Notwendigkeit leistbarer und niederschwelliger Bildungsangebote sowie einer starken gemeinnützigen Erwachsenenbildung, die Menschen in allen Lebensphasen erreicht.

Wolfgang Hattmannsdorfer (Wirtschaftsminister, ÖVP) stellt die Fachkräftesicherung in den Mittelpunkt. Weiterbildung solle neue berufliche Chancen eröffnen und Betriebe unterstützen, ohne zusätzliche Belastungen für Unternehmen zu schaffen.

Christoph Wiederkehr (Bildungsminister, NEOS) verweist darauf, dass die Grundlage für lebenslanges Lernen bereits in der Schule gelegt werde.

Reaktionen der Interessenvertretungen

Industriellenvereinigung (IV)

Die Industriellenvereinigung begrüßt die Initiative ausdrücklich. Generalsekretär Christoph Neumayer bezeichnet lebensbegleitendes Lernen als zentrale Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit und Fachkräftesicherung. Er fordert einen Schwerpunkt auf berufliche Qualifizierung, Zukunftskompetenzen und Weiterbildung während des Erwerbslebens, nicht erst im Fall von Arbeitslosigkeit. Besonderen Wert legt die IV darauf, dass Unternehmen nicht durch zusätzliche Abgaben oder Lohnnebenkosten belastet werden. Außerdem sollen Förderungen stärker auf Qualität, Wirksamkeit und Zielerreichung überprüft werden.

Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ)

Die Wirtschaftskammer Österreich unterstützt die Initiative ebenfalls. Bildungsbereichsleiterin Melina Schneider-Lugger fordert eine stärkere Orientierung der Weiterbildung an den Kompetenzbedarfen der Wirtschaft. Weiterbildung müsse praxistauglich, niederschwellig und betriebsnah sein. Die WKÖ begrüßt die geplante Transparenz der Förderlandschaft und den Ausbau der Höheren Beruflichen Bildung. Zusätzlich fordert sie eine Bildungsprämie, bei der Unternehmen bis zu 20 Prozent ihrer Weiterbildungskosten steuerlich gutgeschrieben bekommen sollen.

Arbeiterkammer (AK)

Die Arbeiterkammer, vertreten durch Präsidentin Renate Anderl, begrüßt die Stärkung der Erwachsenenbildung, verlangt aber verbindlichere Maßnahmen. Weiterbildung dürfe weder an Zeit noch an Einkommen scheitern. Unternehmen müssten sich stärker an den Kosten beteiligen. Gefordert wird zudem ein Rechtsanspruch auf Weiterbildung in bezahlter Arbeitszeit.

Gewerkschaft GPA

Barbara Teiber, Vorsitzende der GPA, hebt hervor, dass Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Strukturwandel lebensbegleitende Weiterbildung unverzichtbar machen. Die Initiative der Bundesregierung wird ausdrücklich begrüßt.

Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs (KEBÖ)

Die Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs (KEBÖ) begrüßt den Strategieprozess und kündigt an, ihn aktiv zu begleiten. Begründet wird dies mit den Herausforderungen durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, demografischen Wandel und ökologische Transformation. Erwachsenenbildung sei heute wichtiger denn je.

Kommentar aus Sicht der Volkshochschulen

Die Ankündigung der LLL-Strategie 2040 ist ein bedeutender bildungspolitischer Schritt. Aus Sicht der Volkshochschulen ist besonders positiv hervorzuheben, dass Erwachsenenbildung erstmals ausdrücklich als gleichwertige Säule des österreichischen Bildungssystems anerkannt wird. Jahrzehntelang wurde lebensbegleitendes Lernen zwar politisch eingefordert, die institutionelle Erwachsenenbildung stand jedoch oft im Schatten von Schule, Hochschule und beruflicher Erstausbildung.

Die Berichterstattung zeigt allerdings unterschiedliche Erwartungshaltungen:

  • Die IV betrachtet Weiterbildung primär als Instrument der Wettbewerbsfähigkeit und Fachkräftesicherung.
  • Die WKÖ betont die betriebliche Verwertbarkeit und die Unterstützung von Unternehmen.
  • AK und GPA heben soziale Zugänge, Zeitressourcen und Bildungsrechte hervor.
  • Die Bundesregierung versucht, wirtschafts-, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitische Ziele miteinander zu verbinden.

Für die KEBÖ reicht Weiterbildung jedoch über Fachkräftesicherung hinaus. Erwachsenenbildung dient nicht nur der wirtschaftlichen Verwertbarkeit von Kompetenzen, sondern auch:

  • der gesellschaftlichen Teilhabe,
  • der Integration,
  • der Demokratiebildung,
  • der Gesundheitsbildung,
  • der digitalen Grundbildung,
  • der kulturellen Bildung,
  • der persönlichen Entwicklung und Lebensqualität.

Gerade Volkshochschulen, aber auch Bildungswerke, Bibliotheken und gemeinnützige Weiterbildungseinrichtungen erreichen Menschen, die formalisierte Bildungswege häufig nicht mehr erreichen. Wenn die Strategie tatsächlich niederschwellige Zugänge, Grundbildung und Chancengerechtigkeit stärken will, muss die gemeinnützige Erwachsenenbildung strukturell abgesichert und nicht ausschließlich nach kurzfristigen arbeitsmarktpolitischen Kennzahlen bewertet werden.

Aus VHS-Sicht wäre daher entscheidend:

  1. Langfristige Finanzierungssicherheit für gemeinnützige Erwachsenenbildung.
  2. Stärkung von Grundbildung und Basisbildung, insbesondere Lesen, Schreiben und digitale Kompetenzen.
  3. Anerkennung non-formaler Bildungserfolge.
  4. Bildungsgerechtigkeit über alle Altersgruppen hinweg.
  5. Verankerung von Erwachsenenbildung als öffentliche Infrastruktur, vergleichbar mit Schulen, Hochschulen oder Bibliotheken.

Die LLL-Strategie 2040 kann dann erfolgreich sein, wenn sie wirtschaftliche Zielsetzungen mit gesellschaftlicher Teilhabe verbindet und Weiterbildung nicht nur als Instrument der Fachkräftepolitik, sondern als Grundlage einer lernenden Gesellschaft versteht.

Linkverzeichnis

  1. Industriellenvereinigung (IV):
    https://www.iv.at/news/detail/lll-strategie-2040-weiterbildung-als-schluessel-fuer-fachkraeftesicherung-und-wettbewerbsfaehigkeit/

  2. Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ):
    https://www.wko.at/oe/news/wkoe-schneider-lugger-lebensbegleitendes-lernen

  3. News (APA):
    https://www.news.at/technik/regierung-erarbeitet-strategie-fur-lebenslanges-lernen

  4. MeinBezirk:
    https://www.meinbezirk.at/c-politik/neue-bildungsstrategie-soll-chancen-in-jedem-alter-eroeffnen_a8969526

  5. Der Standard:
    https://www.derstandard.at/story/3000000345319/regierung-erarbeitet-strategie-f252r-lebenslanges-lernen

  6. ORF:
    https://orf.at/stories/3445750/