EU-Bildungspolitik: Mehr Mittel für Erasmus+ und Erwachsenenbildung gefordert
31.10.2026 | EB in Europa
Wichtige Entscheidungen über die zukünftige Finanzierung von Bildung und Weiterbildung stehen auf europäischer Ebene bevor. Das Europäische Parlament fordert deutlich mehr Geld für Erasmus+, während sich der Europäische Ausschuss der Regionen für einen starken und eigenständigen Europäischen Sozialfonds ausspricht. Aktuelle OECD-Analysen unterstreichen zugleich, wie dringend Investitionen in Weiterbildung und Grundkompetenzen gebraucht werden.
Europäisches Parlament will Erasmus+ stärken
Das Europäische Parlament hat seine Position zum Erasmus+-Programm für die Jahre 2028 bis 2034 beschlossen. Vorgesehen ist ein Gesamtbudget von 47,39 Milliarden Euro. Damit liegt das Parlament rund 6,6 Milliarden Euro über dem Vorschlag der Europäischen Kommission und mehr als acht Milliarden Euro über dem derzeit im Rat diskutierten Betrag.
Neben einer deutlichen Aufstockung fordert das Parlament verbindliche Mindestanteile für die einzelnen Programmbereiche. Für Einrichtungen der Erwachsenenbildung würde dies mehr Planungssicherheit schaffen. Die endgültige Höhe des Erasmus+-Budgets wird allerdings erst im Rahmen der Verhandlungen über den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen der Europäischen Union festgelegt.
Die European Association for the Education of Adults ruft ihre Mitglieder und Partner deshalb dazu auf, im Rahmen der Kampagne „Cuts cost more“ politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger zu kontaktieren. Gerade jetzt müsse sichtbar gemacht werden, welchen gesellschaftlichen Nutzen europäische Bildungsprogramme vor Ort entfalten.
Europäischer Sozialfonds soll eigenständig bleiben
Auch die Zukunft des Europäischen Sozialfonds Plus ist für die Erwachsenenbildung von großer Bedeutung. Der Europäische Ausschuss der Regionen wendet sich gegen Pläne, den Fonds gemeinsam mit anderen Förderinstrumenten in nationale und regionale Partnerschaftspläne zu integrieren.
Stattdessen fordert der Ausschuss, den ESF+ als eigenständigen Fonds weiterzuführen und sein Budget von derzeit rund 100 Milliarden Euro auf mindestens 124,19 Milliarden Euro anzuheben. Aus Sicht der Regionen reichen die von der Europäischen Kommission vorgesehenen Mittel nicht aus, um Herausforderungen wie Arbeitslosigkeit, Energiearmut, Abwanderung aus ländlichen Gebieten und soziale Ausgrenzung wirksam zu bekämpfen.
Für die Erwachsenenbildung ist diese Debatte besonders relevant: Der ESF+ zählt europaweit zu ihren wichtigsten Finanzierungsquellen. Ohne ein klar abgegrenztes Budget müsste sie künftig stärker mit zahlreichen anderen Politikfeldern um Mittel konkurrieren.
Fachkräfte fehlen, Weiterbildung bleibt zurück
Eine aktuelle Analyse der OECD zeigt, dass der Arbeitskräftemangel seit seinem Höhepunkt nach der Covid-19-Pandemie zwar etwas zurückgegangen ist, strukturelle Qualifikationsengpässe aber bestehen bleiben. Besonders betroffen sind hochqualifizierte Berufe in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologie, Naturwissenschaften, Technik, Gesundheit und Bildung.
Bis 2060 könnte die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im OECD-Durchschnitt um rund acht Prozent sinken. In einem Viertel der Mitgliedstaaten wird sogar ein Rückgang von mehr als 30 Prozent erwartet. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, künstliche Intelligenz und der ökologische Umbau die Anforderungen am Arbeitsmarkt.
Bemerkenswert ist, dass der Fachkräftemangel bislang nicht automatisch zu höheren Weiterbildungsinvestitionen geführt hat. In vielen Ländern liegen die betrieblichen Investitionen in Aus- und Weiterbildung weiterhin unter dem Niveau vor der Pandemie. Große Engpässe bestehen zudem bei grundlegenden und übertragbaren Kompetenzen wie Leseverständnis, aktivem Zuhören, Schreiben, kritischem Denken, Lernstrategien, Koordination und komplexer Problemlösung.
Microcredentials brauchen gemeinsame Standards
Auch kurze und flexibel nutzbare Bildungsangebote gewinnen an Bedeutung. Die OECD warnt jedoch davor, dass Microcredentials ohne gemeinsame Definitionen, transparente Anerkennungsverfahren und verlässliche Qualitätssicherung zusätzliche Unübersichtlichkeit schaffen könnten.
Notwendig seien abgestimmte Zertifizierungsrahmen, sektorenübergreifende Standards und eine stärkere Orientierung an aktuellen Qualifikationsbedarfen. Gleichzeitig müsse der Zugang verbessert werden. Bisher würden Microcredentials überdurchschnittlich häufig von gut qualifizierten Personen mit höherem Einkommen genutzt. Menschen mit besonderem Weiterbildungsbedarf würden dagegen vielfach nicht erreicht.
Für ein sozial ausgewogenes System braucht es daher gezielte Information, Beratung und Lernbegleitung sowie tragfähige öffentliche Finanzierungsmodelle. Microcredentials können bestehende Bildungsabschlüsse sinnvoll ergänzen. Sie dürfen jedoch nicht zu einem unübersichtlichen Nebenmarkt werden, in dem Lernende selbst beurteilen müssen, welche Angebote anerkannt und qualitativ hochwertig sind.
Erwachsenenbildung ist europäische Zukunftsvorsorge
Die aktuellen europäischen Debatten machen deutlich: Erwachsenenbildung darf nicht als nachrangige Ausgabe betrachtet werden. Sie ist eine zentrale Voraussetzung dafür, den demografischen, digitalen, sozialen und ökologischen Wandel zu bewältigen.
Der Verband Österreichischer Volkshochschulen unterstützt daher die Forderung nach einem starken Erasmus+-Programm, einem eigenständigen und ausreichend finanzierten Europäischen Sozialfonds sowie einem transparenten und sozial zugänglichen System für Microcredentials. Denn Kürzungen bei Bildung verursachen langfristig höhere gesellschaftliche und wirtschaftliche Kosten.