Profil-Artikel über "Generation Nachhilfe": Bildung darf nicht vom Geldbörsel abhängen
31.08.2026 | VÖV
Der aktuelle profil-Artikel „Generation Nachhilfe“ beschreibt eindrucksvoll den wachsenden Druck, unter dem viele Kinder und Familien bereits in der Volksschule stehen. Er zeigt, wie stark die Schulwahl, der Übergang ins Gymnasium und der Wunsch nach bestmöglichen Bildungschancen mittlerweile das Familienleben prägen. Gleichzeitig wird deutlich, dass immer mehr Eltern auf kostenpflichtige Nachhilfe zurückgreifen und dafür erhebliche Summen aufwenden.
Ein Kommentar von John Evers
Die geschilderten Entwicklungen verdienen Aufmerksamkeit. Wenn bereits in der Volksschule Bildungswege als Wettbewerb wahrgenommen werden und Familien mehrere hundert Euro pro Jahr für zusätzliche Lernunterstützung ausgeben müssen, stellt sich die Frage nach der Chancengerechtigkeit unseres Bildungssystems. Bildungschancen dürfen nicht davon abhängen, welche finanziellen Möglichkeiten Eltern haben.
Bildung ist mehr als der Weg ins Gymnasium
Der Artikel fokussiert stark auf den Druck rund um den Übertritt in eine weiterführende Schule. Diese Sorgen vieler Eltern sind nachvollziehbar. Gleichzeitig greift eine rein auf Noten, Schulformen und Selektionsentscheidungen gerichtete Sicht auf Bildung zu kurz. Bildung bedeutet nicht nur den Zugang zu einer bestimmten Schule. Sie umfasst die Fähigkeit, lesen, schreiben und rechnen zu können, kritisch zu denken, sich gesellschaftlich einzubringen und sich im Laufe des Lebens immer wieder neues Wissen anzueignen. Entscheidend ist daher nicht allein der Bildungsweg mit zehn Jahren, sondern der Zugang zu Lernmöglichkeiten während des gesamten Lebens.
Kostenlose Lernangebote als Teil der Lösung
Was in der öffentlichen Debatte häufig zu wenig Beachtung findet: Es gibt auch kostenlose, von gemeinnützigen Bildungseinrichtungen organisierte, Lern- und Bildungsangebote, die Familien entlasten und Bildungsbenachteiligungen entgegenwirken.
An rund 1.000 Kursorten in ganz Österreich bieten die Volkshochschulen niederschwellige Lernmöglichkeiten für unterschiedliche Zielgruppen an. Dazu zählen etwa kostenlose Lernhilfen für Schülerinnen und Schüler, Lernzentren, Förderangebote in den Bundesländern sowie Angebote des Nachholens von Bildungsabschlüssen und der Grundbildung für Erwachsene.
Diese Angebote verfolgen einen anderen Ansatz als der kommerzielle Nachhilfemarkt. Sie stehen allen Menschen offen und orientieren sich am Grundsatz, dass Bildung ein öffentliches Gut ist und keine Frage des Einkommens sein darf.
Die eigentliche Herausforderung: lebenslanges Lernen
Der Artikel behandelt vor allem die Situation von Kindern und Jugendlichen. Die gesellschaftliche Herausforderung reicht jedoch deutlich weiter. Die Ergebnisse internationaler Kompetenzstudien (PIAAC) zeigen, dass auch viele Erwachsene Unterstützung beim Lesen, Schreiben oder Rechnen benötigen.
Bildungspolitik darf daher nicht an den Schultoren enden. Wer Chancengerechtigkeit stärken will, muss Lernen in allen Lebensphasen ermöglichen: für Kinder, die zusätzliche Unterstützung benötigen, für Jugendliche auf dem Weg in Ausbildung und Beruf, für Erwachsene mit Basisbildungsbedarf und für ältere Menschen, die ihre Kompetenzen weiterentwickeln möchten.
Gerade die Volkshochschulen leisten dazu seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag. Sie eröffnen Lernchancen unabhängig von Alter, Herkunft, Bildungsbiografie oder finanziellen Möglichkeiten.
Bildung als öffentliche Verantwortung
Der profil-Artikel macht deutlich, wie groß die Verunsicherung vieler Familien geworden ist. Die Antwort darauf kann jedoch nicht sein, dass immer mehr private Nachhilfe notwendig wird. Vielmehr braucht es starke öffentliche und gemeinnützige Bildungsangebote, die allen Menschen offenstehen.
Denn Bildung darf nicht vom Geldbörsel abhängen. Sie muss für alle zugänglich sein und zwar nicht nur in der Volksschule, sondern ein Leben lang. Die Volkshochschulen stehen für diesen Anspruch und werden auch künftig ihren Beitrag dazu leisten.