Nachruf Christian Kloyber (1955-2026)
14.06.2026 | EB in Österreich
Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Christian Kloyber, einem Freund und prägenden Kopf der österreichischen Erwachsenenbildung. Als langjähriger Direktor des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung (bifeb) in St. Wolfgang prägte er nicht nur eine Institution, sondern eine Haltung: die der kritischen Reflexion, der seismographischen Sensibilität für gesellschaftliche Umbrüche und der unbequemen Fragen. Sein Wirken war stets von der Überzeugung getragen, dass Erwachsenenbildung ein unverzichtbarer Ort der Demokratie ist – ein Raum, in dem Unruhe nicht nur zugelassen, sondern als Impuls für Veränderung begriffen wird.
Ein Leben für die Erwachsenenbildung, den Dissens und die Demokratie
„Wir sind der tiefen Überzeugung, dass alle Menschen, welchen Alters auch immer, das Recht haben, selbst zu entscheiden, was sie lernen wollen, wie, wann und wo. Wissen muss darum für jedermann und zu jeder Zeit zugänglich sein.“
Das Manifest von Cuernavaca, Mexiko 1974
Ein Brückenbauer zwischen Welten
Christian Kloybers Biografie war eine des Entdeckens, Hinterfragens und Bauens, über Grenzen, Traditionen, Klüfte und Hindernisse hinweg. Nach seinem Studium der Germanistik und Geschichte in Wien arbeitete er ab 1979 als Lektor für Deutsch in Mexiko und war in den folgenden Jahren u.a. leitend mitbeteiligt am Aufbau des universitären Sprachenzentrums „Casco de Santo Tomás an der medizinischen Fakultät des Instituto Politécnico Nacional“ und kooperierte mit dem mexikanischen Unterrichtsministerium in den Bereichen Berufsbildung und Erwachsenenbildung. Für das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands führte er seine Forschungen zum österreichischen Exil in Mexiko und Lateinamerika fort.
1999 erhielt Christian Kloyber für seine wissenschaftlichen Leistungen den „Aguila Azteca“, den höchsten in Mexiko an Ausländer verliehenen Verdienstorden. In der Stadt Wien wurden auf seine Initiative und seinen Antrag hin in der Donau-City zwei Promenaden nach den mexikanischen Diplomaten Giberto Bosques und Isidro Fabela benannt. Bosques hatte sich als mexikanischer Generalkonsul in Frankreich für die Rettung tausender jüdischer und antifaschistischer Vertriebener eingesetzt; Fabela protestierte als mexikanischer Vertreter vor dem Völkerbund als einziger Delegierte dieser Organisation gegen den „Anschluss“ Österreichs durch Hitler.
Christian Kloybers Arbeit zur Dokumentation des österreichischen antifaschistischen Exils in Mexiko (1938–1947) (Deuticke Verlag) und seine Mitwirkung an Ausstellungen über den österreichisch-mexikanischen Künstler und Kunsttheoretiker Wolfgang Paalen – etwa 2019 im Belvedere – zeugen von seinem unermüdlichen Engagement für die Aufarbeitung von Flucht und Widerstand, für sein Engagement für kulturelle Vielfalt und nicht zuletzt für seine Liebe zur Wahrheit und für das Kunstschöne. Diese Erfahrungen prägten auch seine pädagogische Arbeit: den Dissens zulassen und befördern, die Stimmen der Marginalisierten hörbar machen, Erstarrtes aufbrechen und Ungerechtigkeit niemals unbeachtet lassen.
1990/1991 kehrte Christian Kloyber nach Österreich zurück und fand am bifeb einen Ort, zuerst als pädagogisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann als Direktor, der sich nicht mit der bloßen Vermittlung von Wissen begnügte, sondern Machtverhältnisse hinterfragte – ob in der Basisbildung, der Sprachenpolitik oder der digitalen Transformation. Seine Tagungsinitiativen „The Dark Side of Adult Education“ (zusammen mit Daniela Holzer) und „The Dark Side of Literacy" (zusammen mit Thomas Fritz) waren ein mutiger Gegenentwurf zum Mainstream der Bildungsdebatte. Hier wurden Fragen gestellt, die andere vermieden: Wem nützt (Basis-)Bildung wirklich? Wer wird durch sie ausgeschlossen? Seine kritische Aufarbeitung der Geschichte des Bundesinstitutes legte Spuren der Vertreibung, historischer Kontinuitäten und der Restitution offen und bewahrte das Bundesinstitut in den 2000er Jahren vor dem Verkauf und der Umwandlung in ein Hotelressort. Christian Kloyber war von Anbeginn an mit ein Redaktionsmitglied und später Herausgeber des „Magazin erwachsenenbildung.at“, belebte die Werkstatt Gemeinwesenarbeit und stand für viele andere Themen und Projekte.
Christian Kloyber verstand Bildung als politischen Akt – und das bifeb als Labor für eine kritische, emanzipatorische Praxis. Das konnte, sollte und hat niemals allen gut gefallen.
Verbunden mit den Volkshochschulen
Christian Kloyber war ein engagierter Freund der Volkshochschulen Österreichs. In seiner Rolle als Direktor des bifeb arbeitete er eng mit dem Verband Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) zusammen.
Seine Überzeugung: Erwachsenenbildung braucht Orte der Niedrigschwelligkeit und der Teilhabe – doch sie müssen auch Räume des Aufbruchs und Umbruchs, der Unruhe bleiben, in denen gesellschaftliche Widersprüche thematisiert werden können. Sein Einsatz für offene, inklusive Bildungsformate – von Hybrid-Veranstaltungen bis zu kritischen Diskursen über Digitalisierung – zeigte, dass er Volkshochschulen nicht als statische Institutionen, sondern als lebendige, sich wandelnde Akteurinnen der Zivilgesellschaft verstand. In Zeiten, in denen Bildung zunehmend unter ökonomischen Verwertungszwängen steht, erinnerte er daran, dass ihr Kernauftrag die Stärkung von Autonomie und kritischem Denken bleibt.
Ein Mensch der Worte und der Taten
Christian Kloyber teilte mit dem österreichischen Anarchisten und Pädagogen Pierre Ramus die Überzeugung, dass Bildung mehr ist als die Vermittlung von Wissen – sie ist ein Akt der Befreiung. „Bildung ist nicht das Befüllen von Fässern, sondern das Entzünden von Flammen.“
Christian Kloyber verstand die Erwachsenenbildung als Ort, an dem Menschen lernen, Bestehendes kritisch zu hinterfragen, selbst zu denken und Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Sein Wirken war ein Plädoyer dafür, dass Bildung Unruhe stiftet – und damit Bewegung, Veränderung und Neugestaltung ermöglicht. Seine Texte und seine Publikationen zur Exilforschung (veröffentlicht u.a. im Theodor Kramer Verlag) verbinden wissenschaftliche Präzision, sprachliche Schönheit mit politischer Leidenschaft. Sein Credo: „Erwachsenenbildung ist immer den Prinzipien kritischer und hinterfragender Haltung verpflichtet." Dies lebte er vor – als Erwachsenenbildner, in der Aufarbeitung der Geschichte des bifeb, in der Organisation von Tagungen, im Umgang mit den Menschen.
Sein Abschied vom bifeb im Jahr 2020 markierte keinen Rückzug, sondern einen neuen Anfang: Er widmete sich wieder intensiver der Exilforschung, der mexikanischen Kulturgeschichte und der Frage, wie Bildung Demokratie stärken kann. Bis zuletzt blieb er ein un-ruhiger Geist – im besten Sinne des Wortes.
Was bleibt?
Christian Kloyber hinterlässt ein reiches Erbe der Unruhe – im Denken, im Handeln, im Bildungsverständnis. Sein Vermächtnis ist die Erinnerung daran, dass Erwachsenenbildung mehr ist als die Vermittlung von Kompetenzen: Sie ist ein Akt der Emanzipation, ein Raum für Dissens und ein Instrument der Demokratie und Menschlichkeit.
Im Namen aller, die ihn als Kollegen, Freund, Weggefährten und Mentor schätzten, danken wir für sein (Nach-)Denken, Schreiben und Sprechen über alle (Denk-)Begrenzungen und (Handlungs-)Klüfte hinweg, für seinen ansteckenden Mut, seine Leidenschaft und seine unermüdliche Bereitschaft, Unrecht beim Namen zu nennen. Möge sein Geist weiterwirken – in den Volkshochschulen, im bifeb und überall dort, wo Bildung nicht nur Wissen, sondern Veränderung schafft. Er wird uns unfassbar fehlen.
„Beyond the horizon, behind the sun / At the end of the rainbow life has only begun…“ (Bob Dylan – ein Zitat, das Christian Kloyber in seinem Abschiedstext am bifeb wählte)
Text: SV/with support LR
Foto: Foto (c) Sabine Holzner