50 Jahre Salzburger Gespräche
„Chancen durch Lernorte“ war das Thema der vom Verband Österreichischer Volkshochschulen (VÖV) zum 50. Mal veranstalteten „Salzburger Gespräche für Leiterinnen und Leiter in der Erwachsenenbil-dung“. Vom 8. bis 12. Juli wurde in Eugendorf bei Salzburg das Thema von rund 50 Teilnehmer/innen aus 13 europäischen und außereuropäischen Ländern aus unterschiedlichen Perspektiven durchaus kontrovers diskutiert. Einhelliger Tenor war allerdings, dass nicht nur Bildungsbauten Lernorte darstellen, sondern dass es mit dem Netz auch virtuelle Lernorte gibt und dass der Arbeitsplatz und die soziale Le-benswelt zunehmend ebenso Lernorte darstellen, an denen vor allem informell gelernt wird. Daher gibt es die von Horst Siebert vertretene Unterscheidung in Lernorte, die prinzipiell überall vorkommen kön-nen, und spezifischen Veranstaltungsorte.
Trotz der wachsenden Bedeutung virtueller Lernorte konstatierte Hannelore Jouly, Vorsitzende des För-dervereins der VHS Stuttgart, im Eröffnungsvortrag eine „Renaissance des realen Ortes“. Sie trat für die Schaffung von „Raumwohlstand“ ein, um Lernen in einer inspirierenden Umgebung zu ermöglichen. Dass Bildungsbauten – in Österreich und international – dem vielfach nicht entsprechen, wurde immer wieder festgestellt. Jouly vertrat die These vom dritten Ort zwischen Privatem und Welt, ein Ort, der Geborgen-heit bietet und Verwurzelung bedeutet. Eine Volkshochschule kann im Idealfall ein solcher Ort sein, wenn sie entsprechend ausgestattet ist und kommunikative, emotionale, ästhetische und sinnliche Qualität bie-tet. Ähnliches gilt für öffentliche Bibliotheken.
Univ.-Prof. Horst Siebert von der Universität Hannover, vertrat die These, in der Wissensgesellschaft wird die gesamte Gesellschaft zum Ort der „Wissensproduktion“, der Popularisierung von Wissen und der Anwendung von Wissen. Das notwendige lebenslange Lernen wird „entgrenzt“ und findet überall statt. Für Bildungseinrichtungen stellt das neue Herausforderungen dar. Milieuforschungen zeigen, dass dem „Ambiente“, der Atmosphäre, der Lernumgebung von vielen Zielgruppen eine größere Bedeutung beige-messen wird als den klassischen Faktoren wie Lernziel und Methodik. Die Trendmilieus werden von den klassischen Erwachsenenbildungseinrichtungen immer weniger erreicht. In einer Wortmeldung stellte da-zu VÖV-Generalsekretär Dr. Wilhelm Filla fest, dass die Wiener Urania, eine der 18 Wiener Volkshoch-schulen, nach ihrem 13 Millionen Euro beanspruchenden Umbau zu einem Veranstaltungsort erster Güte in Wien wurde und seither in größerer Zahl sogar die „Bobos“ – bourgeoise Bohemiens – auch mit ihrem Bildungsprogramm anspricht.
Siebert betonte Erkenntnisse der Neurowissenschaften, denen zufolge beim Lernen Erwachsener das „episodische Gedächtnis“ dominiert. Dabei ist das Orts- und Quellengedächtnis maßgeblich: Wir erinnern uns, wann, wo und mit wem wir etwas gelernt haben. Traditionelle Qualifizierungsmaßnahmen werden von Konzepten der Kompetenzentwicklung abgelöst. Kompetenzen werden aber nur zum geringen Teil in seminaristischer Form erworben. Sie erfordern einen Verbund vielfältiger Lernorte und Anwendungsfel-der. Zu den „neuen Lernformen“ gehören vor allem E-learning-Programme, deren pädagogische Wirk-samkeit und Nutzung bisher eher überschätzt worden ist. Sie ersetzen jedenfalls Programme der traditio-nellen sozialen Lernorte nur selten.
Demgegenüber plädierte Dr. Christian Fiebig, Leiter der Volkshochschule Böblingen-Sindelfingen, für öf-fentlichkeitswirksame Bildungsprojekte im Netz, als Ergänzung des Standardprogramms einer Volks-hochschule. Er stellte unter anderem das erfolgreich begonnene Projekt vhs.UNIVERSITÄT vor, das sich vorrangig an die Generation 55 plus wendet. Vorlesungen der Universität Tübingen werden aus der Uni-versität live über das Internet in Fernsehqualität in die Volkshochschule übertragen. In Deutschland prak-tizieren dieses Modell bereits 45 Volkshochschulen.
Der Bremer Universitätsprofessor Jörg Wollenberg stellte (NS-)Gedenkstätten als moderne Lernorte vor.
Volker Otto, Honorarprofessor an der Universität Leipzig, ging auf „Lernen in neuen Zentren als Zeichen des Systemumbaus der Erwachsenenbildung“ ein und nahm mit „kritischen Reflexionen zu Zentren Le-bensbegleitenden Lernens“ auch zu aktuellen Entwicklungen in Hessen Stellung, die unter dem Titel „Hessencampus“ zusammen zu fassen sind. Nach seinem Fazit hat gerade die Volkshochschule ange-sichts ihrer seit langem erwiesenen Bereitschaft und Fähigkeit, immer wieder neue Wege einzuschlagen, durchaus Chancen, eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Volkshochschulmitarbeiter/innen in Deutschland beweisen dies beispielsweise durch ihre Beteiligung an den Zentren Lebensbegleitenden Lernens in Hessen. Dass solche Vorhaben auch die Gefahr in sich bergen, einen politisch motivierten Systemumbau der Erwachsenenbildung zu befördern, „ist eine Erfahrung, aus der man lernen kann und lernen muss“. Als öffentliches Weiterbildungszentrum wird sich die Volkshochschule auch künftig zu bewähren haben.
Als praktisches Beispiel eines zukunftsorientierten Veranstaltungs- und Lernorts wurde den Teilneh-mer/innen der „Salzburger Gespräche“ bei einer Exkursion der Linzer Wissensturm vorgestellt, in dem städtische Bibliothek, Selbstlernzentrum und Volkshochschule unter einem Dach untergebracht sein wer-den und der am 14. September von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer eröffnet wird.
Aus der Reihe der traditionellen Länderberichte bei den „Salzburger Gesprächen“ stachen einige beson-ders hervor, weil sie völlig unbekanntes Terrain berührten. Fuad Muradov M.A., Leiter des dvv-international-Büros in Baku, stellte die erst im Aufbau befindliche und in Europa unbekannte Erwachse-nenbildung in Aserbaidschan vor. Ein Gesetz für die Erwachsenenbildung hat das aserbaidschanische Parlament bereits in erster Lesung passiert.
Dr. Martina Blasbichler, Direktorin des Verbandes der Südtiroler Volkshochschulen, berichtete über das eindrucksvolle, da sehr ausgebaute, Qualitätssicherungssystem ihres Verbandes, der in einem kleinen „Land“ mit rund 460.000 Einwohner/innen, davon rund 300.000 deutschsprachige, tätig ist.
Maureen Kavanagh M.A. vom Nationalen Erwachsenenbildungsverband in Irland informierte über die auf politische Partizipation und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgerichtete kommunale Bildungsar-beit in Irland. Erwachsenenbildung ist in Irland ein wichtiger Faktor der Demokratiestärkung. Genau auf die Demokratiefunktion der Volkshochschulen wies die Präsidentin des VÖV, Nationalratspräsidentin Mag. Barbara Prammer in einer Video-Grußbotschaft hin. Sie nannte auch eindrucksvolle Zahlen der „Salzburger Gespräche“: In fünfzig Jahren haben 1.040 Personen aus 51 Ländern aus allen fünf Konti-nenten an dieser am längsten kontinuierlich stattfindenden internationalen Veranstaltung zur Erwachse-nenbildung in Europa teilgenommen. Insgesamt konnten in fünf Jahrzehnten knapp 3.000 Teilnahmen gezählt werden.
Im Rahmen eines abschließenden Festaktes zu „50 Jahre Salzburger Gespräche“ nahm der Vorsitzende des Vorstandes des VÖV, der Wiener Stadtrat Dr. Michael Ludwig, eine Ehrung vor. Für ihre mehr als zehnjährige Teilnahme an den „Salzburger Gesprächen“ erhielten das Ehrenzeichen des VÖV: Dipl. Päd. Petra Bass, Helga und Dipl. Volkswirt Wolfgang Klier sowie Jörg Wollenberg aus Deutschland, Kari Kin-nunen M.A. und Veikko Räntilä M.A. aus Finnland und Dr. Ewald Presker aus Österreich.
Mit einem herzlichen Dank für die gleistete hochprofessionelle Arbeit verabschiedete Ludwig auch das bisherige bewährte Leitungsteam der „Salzburger Gespräche“: Dr. Anneliese Heilinger (VÖV), Mag. Hu-bert Hummer (Linz) und Ewald Presker (Graz).
Wilhelm Filla
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